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Taschen von Oliver D. Doleski

Energiewirtschaft – Kunden wollen keinen Strom, sie wollen Dinge tun können

Perspekive Utility 4.0: Kaum ein Kunde von Energieversorgungsunternehmen interessiert sich ernsthaft für Strom. Verbraucher machen sich kaum Gedanken um Elektrizität – diese hat im täglichen Leben schlicht verfügbar zu sein. Kunden wollen Dinge tun können und nutzen dazu elektrische Energie. Angesichts von Digitalisierung und Dezentralisierung erwarten immer mehr Verbraucher innovative Lösungen rund um die zeitgemäße Energieversorgung sowie exzellenten Service. Herausforderungen, die für Stadtwerke und Co alles in allem ohne erfolgreiche digitale Transformation kaum zu bewältigen sind.

Die traditionelle Energieversorgung befindet sich in einer Zäsur. Die Energiewirtschaft durchläuft heute den größten Veränderungsprozess seit der Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Man muss kein Kenner der Energiebranche sein, um zu erkennen, dass angestammte Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft spätestens seit der Energiewende des Jahres 2011 in ihrer Existenz bedroht sind. Beinahe täglich erfahren wir aus den Medien, dass Margendruck, Dezentralisierung und digitale Transformation mehr und mehr den Energiesektor dominieren. Die traditionellen Geschäftsmodelle verlieren angesichts von Digitalisierung und Dezentralisierung zusehends an Bedeutung und werden zu Pflegefällen.

Die Zeiten geschützter Gebietsmonopole als regionale Versorgungsbiotope, in denen zwangsloyale Letztverbraucher – so hießen Kunden in der Energiewirtschaft einmal – den Energieunternehmen jahrzehntelang stabile Erträge bescherten, sind unwiderruflich vorbei.

Utility 4.0 – Energieversorgungsunternehmen verändern ihr Gesicht

Bei zahlreichen Energiekonzernen, Regionalversorgern und Stadtwerken wächst angesichts veränderter Rahmenbedingungen die Überzeugung, dass sie ohne einen umfassenden Veränderungs- oder Transformationsprozess im Versorgungmarkt der Zukunft kaum bestehen können. Konkret setzt aufseiten dieser vormals monopolistisch strukturierten Versorgungsunternehmen – für die noch vor Jahren echter Wettbewerb nahezu unbekannt war – ein Umdenken in Richtung verstärkter Dienstleistungs- und Kundenorientierung ein. Immer mehr Versorger entdecken den Letztverbraucher als Kunden auf Augenhöhe, dem sie innovative Versorgungsprodukte samt Zusatznutzen anbieten können. Parallel schwindet die Bedeutung der traditionellen reinen Energieverteilung, also der klassische Verkauf von Kilowattstunden. Augenscheinlich wird das Erscheinungsbild der Energiebranche in Zukunft zunehmend von Akteuren mit innovativen Dienstleistungsangeboten geprägt: den Utility 4.0.

Utility 4.0Die Energiewirtschaft hat seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen drei Hauptentwicklungsstufen durchlaufen und steht mittlerweile am Beginn ihrer bislang letzten, vierten Phase. Alles begann zunächst mit Energieverteilungsunternehmen, den Utilities 1.0, die via Kabel Strom über weite Strecken zu deren Abnehmern transportierten. Mit der in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einsetzenden Liberalisierung und Deregulierung begann eine neue, zweite Epoche. Während im entstehenden liberalisierten Markt sich die Letztverbraucher ihren Versorger frei auswählen konnten und so von reinen Abnehmern zu mündigen Kunden mutierten, erfolgte auf der Anbieterseite die ordnungspolitisch geforderte Trennung von Netzbewirtschaftung und Energievertrieb. An die Stelle der ursprünglichen Energieverteilungsunternehmen traten Energieversorgungsunternehmen (EVU) oder Utilities 2.0. Seit etwa 2011 zeichnete sich die Tendenz ab, dass diese EVU nicht mehr ausschließlich Energie verkaufen, sondern als Energiedienstleistungsunternehmen (EDU) oder Utilities 3.0 umfassende Services und erweiterte Produkte ihren Kunden anbieten. Inzwischen stehen diese EDU am Beginn der digitalen Transformation, bei der Energiemarkt und Informationstechnologie miteinander verschmelzen. Perspektivisch entstehen dabei digitale Energiedienstleistungsunternehmen (eEDU) oder Utilities 4.0, deren Leistungsangebote vorzugsweise vernetzt, flexibel, digital und dienstleistungsorientiert sein werden.

Digitalisierung der EnergiewirtschaftAnfang 2016 wurde der Begriff Utility 4.0 im Booklet „Utility 4.0 – Transformation vom Versorgungs- zum digitalen Energiedienstleistungsunternehmen“ erstmals von Oliver D. Doleski publiziert. Schließlich folgten neben der erwähnten Erstpublikation im Jahr 2017 zwei weitere Bücher. Einerseits das farbig illustrierte Fachbuch „Herausforderung Utility 4.0“ mit über 800 Seiten und andererseits als zweites Booklet das Essential „Roadmap Utility 4.0“. War der Begriff im Januar 2016 noch unbekannt, so wird er heute von immer mehr Unternehmen des Energiesektors als eingängiger Sammelbegriff für serviceorientierte digitale Versorgungsunternehmen gebraucht.

Herausforderungen im Energiesystem der Zukunft

Man muss kein Prophet sein um zu dem Schluss zu gelangen, dass auf absehbare Zeit nur diejenigen EVU prosperieren oder gar überleben werden, denen der Übergang von der traditionellen zur digitalen Energieversorgung gelingt. Insofern sind Versorger gut beraten, den Prozess der digitalen Transformation aktiv voranzutreiben und infolgedessen ihre Energieangebote mit innovativen Lösungen der Informationstechnologie zu verschmelzen. Kurz gesagt, bedarf es einer Transformation heutiger Energieversorgungsunternehmen in Richtung digitaler Energiedienstleistungsunternehmen oder Utilities 4.0.

Wenn also Digitalisierung und Dezentralisierung heute ganz oben auf der Tagesordnung von Stadtwerken und Co. stehen, drängt sich für den Praktiker die Frage auf, wie sich Versorger auf diese Rahmenbedingungen einstellen können. Mit anderen Worten, welche wesentlichen Herausforderungen gehen aufseiten innovativer Versorgungsunternehmen mit einer umfassenden datentechnischen Vernetzung entlang der energiewirtschaftlichen Wertschöpfung einher? Zunächst müssen Utilities 4.0 den digitalen Wandel mit dem ihm innewohnenden Komplexitätsanstieg organisatorisch verkraften. Besonderes Augenmerk ist in diesem Kontext auf die Bewältigung des deutlich zunehmenden Datenvolumens, also der wirtschaftlichen Informationsverarbeitung in Echtzeit, zu legen. Gleichzeitig erwarten zunehmend souveräner agierende Kunden ein spürbar verbessertes Dienstleistungsangebot. Schließlich wollen Kunden keinen Strom kaufen, sie wollen Dinge tun können. Demnach erwarten sie vor allem innovative Lösungen rund um die zeitgemäße, nachhaltige Energieversorgung sowie exzellenten Service.

Der Kunde steht im Fokus – Utility 4.0 Betätigungsfelder

Die Erwartungshaltung der Kunden gegenüber „ihrem“ Versorger wächst merklich. Nur wenn es der Versorgungswirtschaft gelingt, den Prozess der digitalen Transformation konsequent zu Ende zu führen, können Energieversorgungsunternehmen ihren Privat- und Geschäftskunden ein adäquates Leistungsangebot offerieren und infolgedessen die Herausforderungen der Zukunft bewältigen. Damit steht unmittelbar die Frage nach aussichtsreichen Betätigungs- oder Geschäftsfeldern für Utility 4.0 im Raum.

Utility 4.0Das Leistungsangebot aller Akteure der Energiewirtschaft muss vorzugsweise Antworten auf das Phänomen der fortschreitenden Erosion des klassischen Versorgungsgeschäfts liefern und zugleich heutigen Kundenanforderungen entsprechen. Erfolgversprechend erscheint hier eine innovative Kombination von Services aus konsequenter Kundenorientierung, gelebter Dienstleistungsmentalität, glaubhafter Gemeinwohlorientierung und klarem Technologiefokus (Erfolgsfaktoren). Aus heutiger Sicht bieten sich als geeignete Betätigungsfelder digitaler Energiedienstleistungsunternehmen Leistungen in den Bereichen Energiedienstleistungen, Dezentralität und Infrastruktur an. Hier eröffnet beispielsweise der sich zurzeit etablierende Smart Market zukünftigen Utility 4.0 ein außergewöhnlich breites Betätigungsfeld. So können auf diesem Markt digitale Energiedienstleistungsunternehmen Strommengen intelligent handeln und mittels digitaler Services die mithin erheblichen Schwankungen von Angebot und Nachfrage im Elektrizitätssystem zum Ausgleich bringen.

 

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Utility 4.0

Utility 4.0 etabliert sich

Utility 4.0 etabliert sich. – Als eine der ersten Publikationen zur digitalen Transformation der Energiewirtschaft erschien bereits im Januar 2016 das Booklet „UTILITY 4.0 – Transformation vom Versorgungs- zum digitalen Energiedienstleistungsunternehmen“. Der kompakte Text begleitete die zu jener Zeit in Fahrt kommende Diskussion um die Digitalisierung des Energiesektors und etablierte mit UTILITY 4.0 zugleich einen neuen eingängigen Begriff für serviceorientierte digitale Versorgungsunternehmen. Nur wenig später – im Mai 2016 – wurde die gleichnamige Xing-Fachgruppe, die inzwischen über 1.000 Mitglieder umfasst, als Forum für Fragestellungen zur digitalen Transformation der Energiewirtschaft ins Leben gerufen. Schließlich folgte kürzlich das praxisorientierte Fachbuch „Herausforderung UTILITY 4.0“, welches einen umfassenden Einblick in digitale Energiedienstleistungsunternehmen (eEDU) bietet.

Weil Versorgungsunternehmen bei näherem Hinsehen heute eine den forschenden und produzierenden Wirtschaftssektoren vergleichbare Entwicklung durchleben, bedient sich die Wortschöpfung UTILITY 4.0 keineswegs zufällig der sprachlichen Analogie zum bekannten Zukunftsprojekt Industrie 4.0. Mit UTILITY 4.0 wurde so ein prägnanter Begriff für den Übergang von der analogen zur digitalen Energiewirtschaft etabliert. Die Debatte um die Ausgestaltung und Zukunft von Energieversorgungsunternehmen hat damit gerade erst begonnen.

Mehr dazu finden Sie hier.

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Oliver Doleski

22. Januar 2017

Digitalisierung der Energiewirtschaft

Digitalisierung der EnergiewirtschaftKürzlich ist im Springer Vieweg Verlag das praxisorientierte Fachbuch Herausforderung Utility 4.0 erschienen. Das farbig illustrierte Buch bietet auf über 800 Seiten umfassend Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des hochaktuellen Themenfelds Digitalisierung der Energiewirtschaft.

Die insgesamt 40 Buchkapitel sind drei großen Hauptabschnitten zugeordnet. Im ersten Teil „Energiewirtschaft im digitalen Zeitalter“ werden grundlegende Aspekte und wesentliche Facetten der digitalen Energiewirtschaft eingeführt. Der darauffolgende zweite Abschnitt „Konzepte und Technologien für das digitale Energiesystem“ beschreibt vor dem Hintergrund einer in der energiewirtschaftlichen Praxis signifikant zunehmenden Bedeutung datenbasierter Lösungen eine Reihe ausgewählter IT-Strategien, Konzepte und Technologien. Abschließend beleuchtet der dritte Teil „Digitale Geschäftsmodelle für eine smarte Energieversorgung“ Ansätze für Lösungen und Services der digitalen Energiewelt von morgen.

Zwischen der ersten Idee und dem finalen Buch liegt ein weiter Weg mit zahlreichen Stationen und vielen Mitstreitern. Ohne das profunde Wissen und das hohe Engagement renommierter Autoren – von Vorständen bzw. Geschäftsführern von Energieversorgern über Universitätsprofessoren, Praktikern unterschiedlicher Schwerpunktthemen bis zu erfahrenen Unternehmensberatern – wäre dieses erste Grundlagenwerk zur Digitalisierung der Energiewirtschaft kaum entstanden. Daher möchte ich mich als Herausgeber ganz besonders bei allen an Herausforderung Utility 4.0 beteiligten Autoren bedanken:

Paul-Vincent Abs (E.ON Metering GmbH), Prof. Dr. Christian Aichele (Hochschule Kaiserslautern), Jos Anthonijsz (GISA GmbH), Christian Arnold (EWE AG), Dr. Maurus Bachmann (Verein Smart Grid Schweiz), Michael Bartsch (Deutor), Eckhart Böhme, Dr. Oliver Budde (Platinion GmbH), Dr. Tanja Clees (Fraunhofer SCAI), Timo Dell (rku.it GmbH), Benjamin Deppe (Soluvia Metering GmbH), Stephan Dieper (RheinEnergie AG), Prof. Dr. Christian Doetsch (Fraunhofer UMSICHT), Dr. Roman Dudenhausen (con|energy ag), Thomas Dürr (Siemens AG), Sebastian Ebert (COSMO CONSULT BI GmbH), Tobias Egeler (TransnetBW GmbH), Daniel Elsner (Arvato Systems GmbH), Marc R. Esser (Strategy & Transformation Consulting GmbH), Marcus Felsmann (Detecon International GmbH), Perry Fett (Fujitsu TDS GmbH), Dr. Stefanie Frey (Deutor), Stefan Fritsch (STAT-UP Statistical Consulting & Data Science), Dr. Julius Golovatchev (Detecon International GmbH), Dr. Heike Hahn (con|energy unternehmensberatung gmbh), Prof. Dr. Volker Herbort (Hochschule Ulm), Jean-Christoph Heyne (Siemens AG), Norbert Hofstetter (co.met GmbH), Maximilian Irlbeck (ZD.B | Zentrum Digitalisierung.Bayern), Dr. Thomas Kaiser (SSA & Company GmbH), Jürgen Klaus (GISA GmbH), Michael Köster (enmore consulting ag und ESPM CONSULTING AG), Dr. Oliver Krone (Verein Smart Grid Schweiz), Philipp Küller (Fujitsu TDS GmbH), Dr. Heiko Lehmann (Telekom Innovation Laboratories), Tobias Mache (enmore consulting ag), Dr. Reinhard Mackensen (Fraunhofer IWES), Bernd Mildebrath (Schleupen AG), Henrik Ostermann (Platinion GmbH), Wolfgang Pell (VERBUND Solutions GmbH), Dr. Rainer Pflaum (TransnetBW GmbH), Daniel Phillipp (COSMO CONSULT BI GmbH), Dr. Matthias Postina (EWE AG), Katherina Reiche (Verband kommunaler Unternehmen e.V.), Dr. Volker Rieger (Detecon International GmbH), Prof. Dr. Daniel Schallmo (Hochschule Ulm), Marius Schönberger (Hochschule Kaiserslautern), Katharina Schüller (STAT-UP Statistical Consulting & Data Science), Holger Schweinfurth (SAP SE), Prof. Dr. Indra Spiecker genannt Döhmann, LL.M. (Georgetown Univ.) (Goethe-Universität Frankfurt a.M.), Elmar Thyen (Trianel GmbH), Karsten Vortanz (VOLTARIS GmbH), Wolfram M. Walter (PMD Projektmanagement Deutschland Akademie GmbH), Sven Weber (Detecon International GmbH), Sebastian Weiße (SIV.AG), Peter Zayer (VOLTARIS GmbH).

Alle Autoren eint das Bestreben, dem Leser mit Herausforderung Utility 4.0 ein praxisorientiertes Buch an die Hand gegeben zu wollen, welches bei der erfolgreichen Bewältigung des Übergangs von der analogen zur digitalen Energiewirtschaft unterstützt und darüber hinaus allen Akteuren der Branche wertvolle Impulse für eigene Transformationsinitiativen liefert. – Die Debatte um die Ausgestaltung und Zukunft von Utility 4.0 hat damit gerade erst begonnen.

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Digital von Carla; digital by Carla

Angst vor digitalen Geschäftsmodellen im Energiesektor

Den neuen, digitalen Geschäftsmodellen der Energiewirtschaft droht, kaum dass sie sich zu etablieren beginnen, bereits Ungemach. Denn es gibt sie, die „German Angst“ vor der Digitalisierung. Grund genug, der Frage nachzugehen, wie Stadtwerke und Co. diesen Vorbehalten begegnen können.

Von Oliver D. Doleski

Veränderungen können Ängste auslösen. Ähnlich der Situation in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen moderner Industriegesellschaften unterliegt auch die Energiewirtschaft heute der mitunter disruptiven Wirkung digitaler Technologien.

Klassische Geschäftsmodelle befinden sich auf dem Rückzug

War in der Vergangenheit der Innovationsdruck im Energiesektor im Branchenvergleich eher abgeschwächt, sehen sich heutige Versorgungsunternehmen der Verschmelzung von Energiemarkt einerseits und Informationstechnologie anderseits sowie deutlich verkürzten Produktlebenszyklen ausgesetzt. Gerade Entwicklungen wie verbesserte Erzeugungstechniken, die fortschreitende Digitalisierung und die sukzessive Einführung von Big-Data-Anwendungen entlang der energiewirtschaftlichen Wertschöpfung verändern derzeit das Gesicht des Energiesektors nachhaltig. So ist bislang noch nicht absehbar, welche Konsequenzen beispielsweise für die Abrechnungsfunktionen heutiger Energieunternehmen erwachsen, wenn eines Tages PayPal, Google Wallet oder Apple Pay womöglich in die Abrechnung von Energiemengen einsteigen sollten.

Arbeiten 4.0 erfasst den Energiesektor

Die Digitalisierung hat längst den Arbeitsmarkt erfasst. Was mehr oder weniger über alle Branchengrenzen gleichermaßen hinweg gilt, trifft in besonderem Maße für die über Jahre recht konservativ agierende Energiebranche mit ihrem inzwischen aufgelaufenen Nachholbedarf bei der Modernisierung des eigenen Leistungsportfolios zu. Es besteht kaum ein ernsthafter Zweifel daran, dass bei Energieversorgungsunternehmen der technische Fortschritt eine Vielzahl an Arbeitsplätzen erheblich verändern oder gänzlich überflüssig machen wird. So wird beispielsweise das Heer von Mitarbeitern, das die bislang maximal teilautomatisierten repetitiven Massenprozesse der Abrechnung betreute, auf weitere Sicht entbehrlich. Digitalisierungsinduzierte Existenzängste sind in Teilen der Belegschaft heute bereits Realität. So weit, so bekannt.

Die Angst des gläsernen Energiekunden

Aber nicht allein der Bestand klassischer Energieversorgungsunternehmen ist in der digitalen Welt bedroht. Digitales Ungemach droht auch an anderer Stelle. So überkommt im Zeitalter von Smart Metering und Big Data den einen oder anderen Energiekunden das ungute Gefühl, zunehmend gläsern zu werden. Befürchtungen nach einer lückenlosen Überwachung der eigenen Lebensgewohnheiten rund um die Uhr werden laut. Mithin unterstellen einige Letztverbraucher, dass ihr Nutzungsverhalten Tag und Nacht ausgeforscht wird, um so Rückschlüsse auf in einem Haushalt tatsächlich lebende Personen, den Sozialstatus der Bewohner etc. ziehen zu können. Sie sehen ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung durch Smart Metering und Energiedatenmanagement tangiert. Das Bild vom digitalen Energiedienstleistungsunternehmen – dem Utility 4.0 – als Datenkrake, welches unablässig mit großem Fleiß und Eifer personenbezogene Informationen sammelt und auswertet, macht die Runde.

Digitale Geschäftsmodelle müssen „fair“ sein

Wie gehen wir also mit unserer „German Angst“ vor der Digitalisierung konstruktiv um? Mit einem Augenzwinkern und zugegeben in einem anderen Kontext sagt Manfred Lütz dazu:

„Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer. Im 19. Jahrhundert gab es Massenarmut, im 20. zwei Weltkriege. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“ [1]

Lassen wir also im Digitalisierungskontext sozusagen die Kirche im Dorf. Gewiss ist die Gefahr des Missbrauchs personenbezogener Daten durch Utilities 4.0 gegeben. Unbestritten werden nicht wenige Versorgungsunternehmen den Anschluss an den Markt verlieren und damit gewissermaßen ihre Spielberechtigung in der digitalen Energiewelt von morgen einbüßen. Und nicht zuletzt wird innerhalb der Energiebranche ein signifikanter Anteil der Mitarbeiter in Zukunft wohl nicht mehr benötigt, weil deren bisherige Tätigkeiten durch vollautomatisierte Betriebsprozesse substituiert werden. Da diesen Bedrohungen auch Chancen gegenüberstehen und die digitale Transformation den von Manfred Lütz beschriebenen epochalen Katastrophen nicht ansatzweise gleichkommt, besteht Hoffnung.

Die Digitalisierung bietet eine Fülle großartiger Chancen und völlig neuer Möglichkeiten, die es zu nutzen gilt. Um diese jedoch nutzen zu können, muss es den Versorgungsunternehmen gelingen, zunächst die vorhandenen Ängste abzubauen und eine stabile Vertrauensbasis in Bezug auf Big Data etc. zu etablieren. Dies geschieht glaubhaft, indem diesen Ängsten „faire“ Geschäftsmodelle der digitalen Energiewelt gegenübergestellt werden. Diese sollten den nachfolgenden vier Mindestanforderungen genügen:

  • Digitale Geschäftsmodelle sind nur dann langfristig tragfähig, wenn diese von der Öffentlichkeit als nachhaltig erkannt werden. Digitale Lösungen verlieren ihren Schrecken, wenn glaubhaft belegt wird, dass Big-Data-Anwendungen entscheidend zur ressourcenschonenden Energieversorgung beitragen.
  • Utilities 4.0 müssen jederzeit sicherstellen, dass sie die sensiblen (Verbrauchs-) Daten ihrer privaten und gewerblichen Kunden streng nur im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen nutzen. Der Kunde darf dabei nicht den Eindruck gewinnen, dass er die Hoheit über seine eigenen Daten verlieren könnte.
  • Alle Betriebsabläufe müssen modernen Datensicherheitsanforderungen jederzeit lückenlos und vollumfänglich entsprechen.
  • Verantwortliches Handeln von Energiekonzernen, Regionalversorgern und Stadtwerken konkretisiert sich schließlich auch im öffentlichkeitswirksamen Umgang mit den eigenen Mitarbeitern. Fatal und die Ängste bestärkend wäre es, wenn langjährige Mitarbeiter in nennenswertem Umfang durch digitalisierte Prozesse ersetzt werden würden. Digitale Geschäftsmodelle müssen auch gegenüber Mitarbeitern „fair“ sein.

Die Angst vor digitalen Geschäftsmodellen im Energiesektor folgt keinem Naturgesetz. Wenn es der Versorgungswirtschaft glaubhaft gelingt, die de facto existierenden Vorbehalte auszuräumen und das Vorhandensein geeigneter Schutzmaßnahmen sicherzustellen, dann werden auch hierzulande digitale Lösungen auf breite Akzeptanz stoßen.

Geschrieben von Oliver D. Doleski

→ Bild: © Carla (9 Jahre)

→ [1] Aust, M. (2011). Interview mit Manfred Lütz: „Laut Ratgeber ist jeder ausgebrannt“. Köln: Kölner Stadt-Anzeiger. Zugegriffen: 10. Nov. 2016.

 

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Utility 4.0 von Oliver D. Doleski; Utility 4.0 by Oliver D. Doleski

Industrie 4.0 in der Energiewirtschaft: Utility 4.0

Digitalisierung steht heute in vielen Branchen ganz oben auf der Tagesordnung. Wo man hinschaut, Themen wie digitale Transformation, Internet of Things sowie Innovationsmanagement beherrschen Fachdiskussionen und Praxis gleichermaßen. Vor allem im deutschsprachigen Raum konnte sich für industrienahe Digitalisierungs-Initiativen inzwischen der Begriff Industrie 4.0 fest etablieren. Auf die Energiewirtschaft übertragen eröffnet dieser Ansatz die Chance auf neue Geschäftsmodelle für digitale Energiedienstleistungsunternehmen, den Utility 4.0.

Von Oliver D. Doleski

Nach Dampfmaschine, Massenproduktion und Automation durchläuft die Industrie mit der Digitalisierung derzeit die vierte industrielle Revolution. Im Zuge dieser vorläufig letzten Entwicklungsphase treten eine wachsende Anzahl von Akteuren forschender und produzierender Wirtschaftssektoren in eine durch IT und Internet bestimmte Welt ein. Am Ende dieses Transformationsprozesses verwandeln sich heutige Produktions- und Logistikunternehmen zu smarten Akteuren der Industrie 4.0. Dank ausgeprägter Parallelen alles in allem ein Vorgang, der sich mühelos auf die Energiewirtschaft übertragen lässt. Seit Beginn des Elektrizitätszeitalters in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat auch die Energiewirtschaft bislang drei zentrale Entwicklungsstufen durchlaufen. Vergleichbar mit der Entwicklung in der Industrie stehen inzwischen auch Energiekonzerne, Regionalversorger und Stadtwerke am Beginn einer bislang letzten, vierten Phase.

Vom klassischen Versorgungswerk zum digitalen Energiedienstleister

Angesichts dieser Parallelen bedient sich Utility 4.0 keineswegs zufällig der sprachlichen Analogie zur aktuellen Hightech-Initiative Industrie 4.0 der produzierenden Wirtschaft. Alles begann mit Energieverteilungsunternehmen, den Utilities 1.0, die kabelgebunden Strom über weite Strecken zu den Verbrauchern transportierten. Mit der in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einsetzenden Liberalisierung und Deregulierung begann eine neue Epoche. Während im entstehenden liberalisierten Markt die Letztverbraucher sich ihre Versorger frei auswählen konnten und so vom reinen Abnehmer zum mündigen Kunden verwandelten, erfolgte auf der Anbieterseite eine Trennung von Netzbewirtschaftung und Energievertrieb. An die Stelle der Energieverteilungsunternehmen traten zunächst die bekannten Energieversorgungsunternehmen (EVU) oder Utilities 2.0. Seit etwa 2011 zeichnete sich allerdings die Tendenz ab, dass EVU nicht mehr ausschließlich Energie verkaufen, sondern als Energiedienstleistungsunternehmen (EDU) oder Utilities 3.0 umfassende Services und erweiterte Produkte ihren Kunden anbieten. Inzwischen stehen diese EDU am Beginn der digitalen Transformation, bei der die energiewirtschaftlichen Prozesse weitgehend digitalisiert ablaufen. Perspektivisch entstehen dabei digitale Energiedienstleistungsunternehmen (eEDU) oder Utilities 4.0, deren Leistungsangebote vorwiegend vernetzt, flexibel und dienstleistungsorientiert sein werden.

Geschäftsmodelle von Utility 4.0

Nach Zuteilung, Versorgung und Dienstleistung läutet somit auch in der Energieversorgung der Trend zur Digitalisierung ein neues Zeitalter ein. Durch die Verschmelzung von Energiemarkt einerseits und Informationstechnologie andererseits können sich – vergleichbar mit anderen Wirtschaftszweigen zuvor – zahlreiche neue Geschäftsmodelle im Energiesektor etablieren. Vieles spricht heute dafür, dass Versorgungsunternehmen vor dem Hintergrund wachsender Kundenanforderungen, steigender Prozesskomplexität und großer Datenmengen nur dann erfolgreich im zunehmend kompetitiven Energiemarkt bestehen können, wenn sie ihren Kunden eine innovative Kombination von Services aus konsequenter Kundenorientierung, gelebter Dienstleistungsmentalität, glaubhafter Gemeinwohlorientierung und insbesondere klarem Technologiefokus anbieten. Angesichts des Umstands, dass die Berücksichtigung dieser Erfolgsfaktoren gewichtigen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg von Stadtwerken und Co haben, müssen diese Faktoren in den erfolgversprechenden Betätigungsfeldern Energiedienstleistungen, Dezentralität und Infrastruktur Anwendung finden. Nur so entstehen zukunftsfähige Geschäftsmodelle im Kontext von Utility 4.0, die ihrerseits die Chancen erhöhen, in der Energiewelt von morgen vornehmlich als digitale Energiedienstleistungsunternehmen bestehen zu können.

Zur Vertiefung der Thematik ist im Verlag Springer Vieweg das Booklet „Utility 4.0 – Transformation vom Versorgungs- zum digitalen Energiedienstleistungsunternehmen“ erschienen. Darin wird auf wenigen Seiten komprimiert der epochale Veränderungsprozess vom monopolistischen Versorgungs- zum digitalen Energiedienstleistungsunternehmen beschrieben. Das kompakte Buch beschränkt sich dabei nicht allein auf die reine Beschreibung dieses Transformationsprozesses. Vielmehr bietet es dem Leser darüber hinaus sowohl einen prägnanten Überblick über profitable Betätigungsmöglichkeiten digitaler Energiedienstleistungsunternehmen (Utility 4.0) als auch eine anwendungsorientierte Methode zur Realisierung neuer Geschäftsideen in der digitalen Energiewelt von morgen. Mit einem intuitiv verständlichen Leitfaden zur praktischen Umsetzung der digitalen Transformation in der Energiewirtschaft schließt das Buch.

Geschrieben von Oliver D. Doleski

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